Plenarvorträge

Prof. Dr. Dieter Wolff (Bergische Universität Wuppertal

Selbstbestimmtes Lernen und Lernerautonomie: Einige Überlegungen zum lernpsychologischen Hintergrund

Die Hinwendung zum Lerner ist in der pädagogischen Theorie und Praxis ein nicht zu übersehendes Phänomen. Während man bis vor nicht allzulanger Zeit in den Mittelpunkt der didaktischen Reflexion methodische Erwägungen stellte und den Lehrer als den Träger didaktisch-methodischer Entscheidungen verstand, wird heute Unterricht eher vom Lerner aus gedacht: Lernerorientierung und Lernerautonomie sind zu Schlagworten der neueren Didaktik geworden. In meinem Vortrag möchte ich zunächst kurz auf die möglichen Gründe hierfür eingehen. Im zweiten Teil werde ich den Begriff Lernerautonomie näher erläutern und ihn Begriffen wie selbstbestimmtes und selbstgesteuertes Lernen gegenüberstellen. Im dritten Teil geht es mir darum, zu zeigen, dass Lernerautonomie eine feste lernpsychologische Verankerung in einer Reihe von psychologischen Disziplinen hat, die sich mit dem menschlichen Denken und menschlichen Erkenntnisprozessen beschäftigen. Die beiden Disziplinen, die ich ausgewählt habe, sind die kognitive Psychologie und die Disziplin, die man gemeinhin wenig präzise als Konstruktivismus bezeichnet. Bevor ich auf die beiden Disziplinen genauer eingehe, beschäftige ich mich mit dem Konstruieren als einem Konzept, das allen Disziplinen unterliegt, die sich mit dem Lernen als einer vom Lerner bestimmten und nicht vom Lehrer gesteuerten Aktivität auseinandersetzen. Im vierten abschließenden Teil geht es mir um die Verbindung zwischen Lernpsychologie, Lernerautonomie und den Neuen Technologien.

Prof. Dr. Olga Esteve (Universitat Pompeu Fabra Barcelona)

Interaktion und Lernerautonomie

In Anbetracht der zahlreichen Theorien, die anlässlich der Untersuchungen über “Interaktion” formuliert worden sind, wird deutlich, welche grundlegende Bedeutung dieser beim Spracherwerb, auch im Kontext des schulischen Lernens, beigemessenen wird. Und so wird heute die zentrale Rolle der Interaktion beim Zweit- und Fremdsprachenerwerb nicht mehr in Frage gestellt. Die dazu gehörenden  Theorien betrachten insbesondere die zentrale Rolle der Bedeutungserarbeitung, die bei den Sprechern ausgelöst wird, sobald diese versuchen die Produktion und Rezeption von sprachlichen Mitteilungen zu erreichen. Es gibt aber andere, sich auf die Psycholinguistik stützende Ansätze, die der Interaktion eine weitere Funktion zuschreiben, nämlich als Auslöser von selbstregulierenden Prozessen. Diese zweite Funktion kann neue Einblicke in den Bereich der Lernerautonomie verschaffen.

In meinem Beitrag möchte ich mich auf diese zweite Perspektive der Interaktion beziehen und ihre Rolle bei der Förderung der Lernerautonomie erläutern. Dabei werde ich auf die Grundlagen des Soziokonstruktivimus eingehen, vor allem auf die Arbeiten von Wigostky,  auf die Litlle (2000) auch  hinweist, um den engen Bezug zwischen Kognition, Interaktion und Lernen zu erläutern.

Nach den soziokonstruktivistischen Ansätzen wird die kognitive Entwicklung eines Menschen durch die Kommunikation über semiotische Systeme gefördert. Eine direkte Folge dieser These für den Lernprozess ist die Möglichkeit der “kognitiven Weiterentwicklung” eines Lernenden durch Beobachtung, durch Teilnahme und vor allem durch die Interaktion mit anderen Personen, die über mehr oder ähnliches Wissen verfügen. Wygotski zufolge können in jedem Lernprozess zwei Entwicklungsstufen festgestellt werden: die "tatsächliche" Entwicklung, d.h. die bereits erworbenen Kenntnisse des Lernenden, und die "potentielle" Entwicklung, sprich, ein in der Zukunft erreichbarer Kenntnisstand. Durch die Interaktion mit anderen kann der Lernende seine “tatsächliche” Entwicklung der “potentiellen” annähern. Ein wichtiger Aspekt ist, dass während dieses Prozesses das sogenannte private speech (Interaktion mit sich selbst) ausgelöst werden soll, eine Art Interaktion, die sich als entscheidend für die Selbstregulierung erweist (Lantolf, 2000, 2006).

In meinem Beitrag werde ich eine fünfjährige, auf dem oben angeführten theoretischen Ansatz beruhende Erfahrung mit blenden learning im Hochschul-DaF-Bereich darstellen. Folgende Reflexionsfragen bilden den Ausgangspunkt meiner Ausführung:

  • Was ist genau die Funktion von  Präsenz- und Eigenarbeitsphasen in blenden learning Modellen bezüglich der Interaktion, die selbstregulierende Prozesse fördert oder fördern kann? Was trägt jede Phase zum autonomen Lernprozess bei?
  • Wie sollen E-Materialien und Lernaufgaben konzipiert und vor allem organisiert werden, damit sie tatsächlich zur weiteren Entwicklung und zur Autonomie beitragen?
  • Wie kann sich der Lernende der eigenen Entwicklung bewusst werden? Wie kann der eigene Lernprozess sichtbar gemacht werden?
  • Worin besteht genau die Funktion des Dozenten in den sämtlichen Phasen des blended learning Modells?

Prof. Dr. David Little (Trinity College Dublin)

Language learner autonomy in practice: a challenge for university and adult education

In universities the concept of learner autonomy is often associated with self-access language learning. As a consequence, for many university language teachers the idea of learner autonomy is inseparable from the way in which language learning is organized – in a self-access centre, at the student’s own convenience, without the direct intervention of a teacher. Unfortunately this understanding of learner autonomy easily ignores the most challenging aspects of learner autonomy as a theoretical construct.

My presentation will begin by summarizing my theoretical understanding of learner autonomy in terms that refer back to Dieter Wolff’s earlier presentation. In particular I shall be concerned to explore the concept of language learner autonomy and its specific pedagogical implications. I shall then apply this understanding to language learning at university level, elaborating a number of basic learning scenarios and illustrating my argument with reference to the institution-wide language learning programme at Trinity College Dublin. One of the key learning supports used in this programme is the CercleS version of the European Language Portfolio, and I shall conclude my presentation by explaining the role that the ELP can play in developing learner autonomy at university level and in adult education.

Prof. Dr. Karin Kleppin (Ruhr-Universität Bochum)

"Eigentlich trifft kein Sprachkurs genau das, was ich brauche" - Zur Implementierung individueller Sprachlernberatung in Fremdsprachenzentren

In Sprachenzentren muss immer stärker auf einen diversifizierten Bedarf der Studierenden und Hochschulangehörigen eingegangen werden; die Berücksichtigung individueller Lernerfaktoren im Unterricht gehört wohl mittlerweile zum methodischen Rüstzeug der Lehrenden.

Eine authentische Lernumgebung bietet sich über Kurse hinaus sowohl an deutschen als auch an ausländischen Hochschulen an. Ihre möglichst optimale Nutzung erfordert allerdings ein weitgehend autonomes Vorgehen, das nicht bei allen Studierenden vorausgesetzt werden kann. Unterschiedliche Formen der individuellen Sprachlernberatung können Studierende dabei unterstützen, sowohl in als auch außerhalb von Kursen ihren internen und externen Voraussetzungen sowie ihren Bedürfnissen und möglichen Zielen gemäß (weiter) zu lernen.

In meinem Vortrag werde ich an Hand von Beispielen das Konzept einer Sprachlernberatung vertreten, das der Förderung von Lernerautonomie verpflichtet ist sowie unterschiedliche - in Sprachenzentren realisierbare - Organisationsformen darstellen